Timo Klöppel

Carte blanche mit System

Frankfurter Rundschau, Marc Peschke, 11.09.2014

Eine Hausbesetzung ist die illegale Besitzname eines fremden Gebäudes und seine Verwendung – ein politischer Akt mit großer symbolischer Aussage. Die Geschichte der Hausbesetzungen ist lang: eine Geschichte des Protests gegen kaum bezahlbaren Wohnraum, gegen Spekulation mit Leerstand, gegen Veränderungen in Stadtteilen, die man unter dem Begriff Gentrifizierung zusammenfasst.

Das Frankfurter Westend und die Rote Flora in Hamburg oder auch die Hausbesetzungen in Berlin-Kreuzberg im Jahr 1981 sind bekannte Beispiele jenes Kampfs um die Häuser, der heute Legende und Mythos der linken Protestbewegungen ist. Eine Ausstellung im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden untersucht jetzt das Phänomen. Bis zum 14. Dezember sind dort Arbeiten Berliner Künstler zu sehen.

Das große Thema der in Kooperation mit dem Künstlerhaus Bethanien entwickelten Schau ist die Gentrifizierung der Städte. In Wiesbaden hat man noch weniger damit zu tun, doch auch hier ändern sich die Viertel. Nur deutlich langsamer als in Berlin. Die Künstler haben weitere Kollegen eingeladen, die sich auch in den Räumen breitmachen werden. Diese Carte blanche hat System, so formuliert es Elke Gruhn, Leiterin des Kunstvereins: „Kontinuität innerhalb der Laufzeit gibt es nicht – ähnlich einem Stadtbild, dessen Einwohnerstruktur sich stetig wandelt.“

Ungewöhnliche Arbeiten

Die Schau versammelt ungewöhnliche Arbeiten. Sehr direkt reflektiert die in Berlin lebende kanadische Künstlerin Larissa Fassler das Thema: Ihre beiden großen kartographischen Arbeiten sind persönliche Vermessungen der Stadt Berlin, die scheinbar Unbedeutendes in den Fokus rücken: etwa die Zahl der Personen, die eine Brücke überqueren.

Die Aufwertung und damit Verteuerung eines Stadtteils besorgen oft die Künstler selbst, sagt Co-Kurator Dominik Fink – und verweist auf die Wiesbadener Geschichte der Aufwertung zum Weltkurort. Ein schöner Kommentar dazu ist die Arbeit von Timo Klöppel: In einem schlichten Kasten hängt ein Porträt des Künstlers selbst, veredelt durch halbtransparenten Goldlack. Ein Schmuckkästchen, ein Tabernakel – der Künstler als Ikone. Ein wichtiger Akteur im urbanen Umformungsprozess.

Aus Steinen fertigt Alicja Kwade „Bordsteinjuwelen“: geschliffene Kieselsteine, welche die Anmutung teurer Edelsteine haben. Ein treffendes, elegantes Symbol für die Umwertung von Stadtvierteln. Ein Totempfahl aus in Berlin gefundenem Pressspahn-Abfall von Daniel Segerberg nimmt eine ähnliche Idee auf: die Umdeutung gefundenen, „armen“ Materials.

Eine historische Position – drei Videoarbeiten des New Yorker Konzeptkunst-Pioniers Gordon Matta-Clark – sorgt für eine Verankerung in der Kunstgeschichte. Ein weiterer Raum wurde von Christoph Tannert, dem Künstlerischen Leiter des Künstlerhauses Bethanien, zusammengestellt. Künstler wie Adam Saks und Fabrizia Vanetta zeigen hier etwas bieder-betuliche Arbeiten auf Papier – sie sind die marktgängigsten der NKV-„Besetzer“.