Timo Klöppel

Nachts auf dem Meer mit Timo Klöppel

Pre-Gallery Weekend Tipp: Am 27. Mai 2016 lädt der Berliner Künstler Timo Klöppel zum Opening seiner Ausstellung „ABS 72“ in sein Atelier ein. von Esther Harrison

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Im Atelier von Timo Klöppel

Der Besuch bei Timo Klöppel erinnert uns stark an das Kaninchenloch bei Alice im Wunderland. Als würde man den kreativen Vortex des Künstlers Klöppels betreten, sich in einen Strudel begeben. Wir stehen an seinem Arbeitsplatz, der auch Galerie und Wohnung ist. Überall quellen und stülpen sich seine Arbeiten, Skizzen, Skulpturen in den Raum, auf die Wand gekritzelte Sätze.

How deep you want go go?

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Klöppel in einem 10 meter x 3,50 breiten und 2,50 hohen Raum den er komplett mit Aluminium tapezierte, im Rahmen eines Künstler Stipendiums in Pforzheim, 2012

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 Ganz oben an den Wänden des Flurs hängen die Wellenbilder die Klöppel während seiner irrwitzigen Atlantiküberquerung auf einem Arbeits-Segelboot geschossen hat. Diesen ungewöhnlichen, nennen wir es Rahmen, hatte er sich ausgesucht, um zum ersten Mal in Form von Aquarellen das zu dokumentieren, was er auf der Reise über den Ozean aufnehmen konnte. Abgesehen davon, das es auf so einem Boot keine ruhige Minute gibt, die Bedingungen vorsichtig ausgedrückt extrem sind und es keine Möglichkeit gibt „auszusteigen“, musste sich Klöppel dem Meer, diesem unberechenbaren, unendlich weitem Element ergeben. So überrascht es nicht, dass die Struktur für die Hängung der Ausstellung in Form von Logbuch Einträgen erfolgt.

 

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Interview mit dem Künstler Timo Klöppel

Timo, deine letzte Ausstellung in Berlin „Nachtmeerfahrten“ war nicht nur haptisch sehr konkret erlebbar, sie thematisierte auch C.G. Jungs Ansatz die Reise als Hinkehr zu sich selbst. Wie hast du den Nachklang deiner Atlantiküberquerung empfunden in diesem Zusammenhang?

Vor meiner Reise über den Atlantik hatte ich erwartet, dass mich die Weite, das offene Meer, der unendliche Himmel bis zum Horizont, beeindrucken würden. Doch einmal auf dem Schiff, war alles ständig in Bewegung und statt der Weite, habe ich vor allem die unglaubliche Tiefe unter mir gespürt. Dieses Gefühl für die Tiefe und dass man auf dem Schiff nie still und auf sicherem Boden stehen kann, hat mich zutiefst verunsichert und beeindruckt. In der Ausstellung habe ich diese sehr physische, aber auch psychologische Erfahrung umgesetzt, indem ich einen Wellenboden in den Raum gebaut habe und man dadurch immerzu sein Gleichgewicht gesucht hat, wenn man sich ein Bild anschauen wollte. Für mich war der Ausstellungsraum auch mein innerer Erfahrungsraum, der Ort an dem sich meine Erinnerungen speichern. Es herrscht für mich in diesem Erinnerungsraum eine etwas entrückte Zeit. Die Ausstellung war für mich so etwas wie eine camera obscura, ein dunkler begehbarer Raum, auf dessen Wänden sich die verkehrt einfallenden Bilder von meiner Reise, unscharf abgezeichnet haben.

 

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Inwieweit lässt sich der Faden in deiner kommenden Ausstellung, „Abs 72“ fortsetzen?

Ich habe auf dem Fracht Segel Schiff 63 Aquarelle gemalt, die ich nun ausstellen werde. Man muss dabei wissen, dass man auf so einem Schiff immer etwas zu tun hat, und also kaum Zeit hat, um zu malen. Und zudem muss man unheimlich aufpassen auf Deck, nicht ins Meer zu fallen. Bei einigen gemalten Aquarellen, musste ich mich festbinden, wie Odysseus um nicht den Gesängen der Sirenen zu verfallen.
Das Themen Gleichgewicht werde ich wieder aufgreifen, indem ich eine schiefe Plattform in den Ausstellungsraum einbaue, auf dem wir stehen werden. Sehe ich mir die Aquarelle nun an, reise ich gedanklich an den Ort zurück wo sie entstanden sind. Es ist eine reise aus dem Raum jetzt, in die Vergangenheit. Die Aquarelle sind Zeugnisse meiner Reise, ein bisschen wie der fortlaufende faden, eine Linie auf der Seekarte. Sie sind das Bilder- und Lockbuch der Reise. Der Strich auf einer Seekarte mit Auswachsungen die in Aquarellen gefasst wurden. Die Koordinaten zeigen den Entstehungsort der Aquarelle. Es geht mir selbst darum, zu versuchen nachzuvollziehen, was geschah wann und wo, also auch das drumherum. Aber zugleich auch um die Möglichkeit, dass das physische Erlebnis (der Reise), das ja persönlich war, als psychologische Erfahrung die jedem zugänglich ist, zu teilen. Mich fasziniert die Vorstellung, dass eine Reise, oder anders gesagt, eine Entwicklung, mit großem Aufwand und über weite Strecken erfolgt, auf ganz andere Weise im Nahen oder Inneren durchlebt werden kann. So als wären Narziss und Goldmund eine Person.

Überhaupt wird im Gespräch klar das es für Klöppel quasi eine logische Folge seiner Arbeitsweise ist, diese Reise zu den Elementen. Wo es keinen Horizont mehr gibt. Wo der Körper eine Metamorphose eingehen muss um zu überleben. So wie sein Atelier eine Metamorphose erlebt um das Ergebnis seiner Reise für alle Sinne widerzuspiegeln. Klöppel spinnt in all seinen Arbeiten einen eigenen Faden, dessen Ende noch nicht in Sicht ist, nicht sein kann. Er zeigt und forscht gleichzeitig indem er sich Fragen stellt und diese dann auch transparent macht, wie:

 

Wo kommt diese Arbeit eigentlich her?

Es ist kein Zufall das er so oft in Galerieräume hineinbaut, denn er traut diesen Räumen so blank wie sie sind nicht. Inmitten dieses fließenden Prozesses finden wir uns auch immer wieder, während wir über die Entstehung der Aquarelle und der unausweichlichen Realität sprechen die auf Deck eines Arbeitsschiffes herrscht, das ausschliesslich über Segel angetrieben wird. We are talking in zwei Schichten schlafen und arbeiten. Aber immer wieder von Wundern unterbrochen, wie floureszierende leuchtende Würmer und Algen die Nachts im Meer an den Kojenfenstern unter Deck vorbei schweben. Wir sprechen darüber das Delfine in Wahrheit wiedergeborene Piraten sind und auch das man früher die Seekranken an den Mast band, um sie daran zu hindern dem unwiderstehlichen Drang nachzugeben ins Meer zu springen in die Erlösung.

2016-04-18-17.31.14Das Segelfrachtschiff auf dem Klöppel als Deckhand anheuerte

Du verknüpfst in deinen Arbeiten immer wieder Räume mit geistigen Konzepten, philosophischen Ansätzen, oft hoch konzentriert, gleichzeitig findet man als Betrachter auch immer wieder sehr konkrete Punkte um nicht den Halt zu verlieren. Was steht am Anfang?

Ein nicht sehr scharfes gemaltes Bild im Kopf. Das veranlasst mich, auf die Fahrt zu gehen und Wissens arm zu sein, in was für einem Raum ich ankommen werde. Die scheinbar konkreten Punkte sind für mich Brücken in einem fließenden Fluss.

Was hast du als nächstes geplant?

Ich arbeite daran, einen alten Eiskeller in Brandenburg umzubauen. In diesem Eiskeller sollen neue Arbeiten entstehen. Immer höher geht es auch mit dem bau des TeeHaus, was ich 2013 begonnen habe zu bauen. Dann muss ich die Küche renovieren. Und es wird bald ein Buch herauskommen, wo ich mich sehr drüber freue!