Timo Klöppel

Überschwappende Fantasie

Der Tagesspiegel, Karolina Wrobel, 17.07.2008

Timo Klöppel lässt seinem Drang zum Bombastischen gerne freien Lauf. „Große Arbeiten liegen mir einfach“, kokettiert der Student der bildenden Künste. Als Bildhauer, so sagt er, verliere er sich optisch gerne vor seinen Werken – 1,81 Meter ist er groß, aber seine aktuelle Schöpfung ist noch um einiges größer. Timo Klöppel hat in zwei Monaten Arbeit ein stimmungsvolles Haus aus Gipsplatten geschaffen, das er an diesem Wochenende einer breiten Öffentlichkeit präsentieren wird. Denn vom 18. bis zum 20. Juli öffnen sich die Türen der Ateliers und Werkstätten der Universität der Künste (UdK) Berlin und offenbaren, welch ungewöhnliche Ausdrucksformen es dort zu entdecken gibt.

Die Fassade von Timo Klöppels Haus ist grau angestrichen und wird aufgehellt durch runde Fenster, die mit farbigem Papier blickdicht verklebt sind. Das Haus ist ausgeleuchtet – was sich jedoch im Inneren befindet, bleibt ein Geheimnis. „Das Haus strahlt eine besondere Wärme aus, es ist eine sehr gefühlsreiche Arbeit“, erzählt der Meisterschüler, der zunächst bei Tony Cragg und nun bei Florian Slotawa studiert. Er versteht sich selbst als einen Maler, der lediglich „bildhauerisch arbeitet“. Sein Kunstobjekt ist die Erinnerung an ein Haus in einem Seefahrer-Dorf im englischen Cornwall, präsentiert wird es im Garten vor den Bildhauerateliers im zweiten Quergebäude der Hardenbergstraße 33. Konzeptuell passt sich das Haus an Klöppels vorhergehende Arbeiten an – denn der Bildhauer zieht auch sonst gerne Wände in geschlossenen Räumen hoch, um noch mal einen Raum zu kreieren.

Bühnenbild-Studentin Emily Laumanns denkt ebenfalls groß. Sie hat eine üppige Kulisse für die Operette „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß entworfen: Sie besteht aus einem acht Meter hohen Wasserfall aus Hunderten von silbernen Folien. Dutzende dieser handgeknüpften Fäden werden vor einer Wand aus durchsichtiger Gaze auf den nackten Herzog im zweiten Akt nieder regnen. Das Stück wird zwar erst am 11. Oktober im Hebbel-Theater Premiere feiern, das Bühnenbildmodell ist aber schon beim Rundgang im Raum 007, dem Atelier von Laumanns in der Lietzenburger Straße 45, zu sehen. In den lichtdurchfluteten Werkstätten realisieren die Bühnenbildstudenten ihre Ideen.

Dort sieht man an den Wänden auch das Bildmaterial, das Laumanns zu der Umsetzung im Modell angeregt hat. „Mich inspirierte der marode Glamour mit exzentrischen Zügen des Berliner Nachtlebens“, sagt die 26-Jährige – sie arbeitet gerne mit Zweideutigkeit und Andeutung. Ähnlich wie Roman Lemberg, Regie-Student an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, der das Stück gemeinsam mit der UdK-Studentin in Szene setzt. „Uns verbindet eine Sehnsucht nach einer radikalen Bildsprache“, erklärt er. Beide wollen „emotional berühren“, denn das sei die wahre kreative Ausbeute: die Seelenregung des Publikums.

Ortswechsel: In der „private factory“ unweit des Medienhauses der UdK Berlin in der Grunewaldstraße konzipieren Studenten des Studiengangs „Industrial Design“ Produkte von morgen. Hinter der grün berankten Fassade eines unscheinbaren Ladens in der Vorbergstraße mit der Hausnummer 9 verwirklichen die fünf ihre eigene industrielle Revolution. In dem Laden sieht man konspirative Zeichnungen auf Tischen und Wänden verteilt, darunter viele, die technische Verbesserungen für das Früchtemischverhältnis im Müsli zeigen. In der Raummitte werkelt ein braungelockter junger Mann an einer digital gesteuerten Fräse: Daniel Schulz hat damit schon in Toastbrotscheiben und Äpfel gefräst.

Herzstück ist eine Produktionsstraße, die durch Zuschalten von Elementen jedem Produkt einen individuellen Stempel aufdrücken kann. Die Idee dahinter ist, Massenprodukte an einem bestimmten Ort herzustellen, die auf die Bedürfnisse der Einwohner zugeschnitten sind. Also ist jeder Passant eingeladen, etwas mitzubringen, das man der Produktionsstraße zuführen kann. Aus einem mitgebrachten Foto und einem Holzbrett wird Daniel Schulz etwa ein Bild in ikonisierter Punkt-Optik herstellen können.

Wer der Welt auf unkonventionelle Weise etwas mitteilen möchte, wendet sich an Nils Kreter. Der Student zeigt einen kleinen Würfel mit einem eingefrästen Relief. „Das ist ein QR-Code – ein bildliches Speichermedium, ähnlich dem Strichcode. Wenn man einen solchen graphischen Code mit Schindeln auf sein Dach legt, kann man auch dezent Botschaften ins All verschicken“, sagt er ganz im Ernst, denn tatsächlich braucht man für die Decodierung nur „Google Earth“ und den kostenlosen Reader eines japanischen Handyherstellers.

Der Däne Mads Dinesen stellt ganz andere Fragen: „Was passiert, wenn der Körper von Geburt an nicht den Erwartungen oder Vorstellungen entspricht?“ Der junge Mann mit dem wachen Blick versucht, „durch Kleidung den Körper zu manipulieren und zu deformieren“. Nicht ästhetisches Wohlgefallen sucht der Modedesigner, sondern die kritische Auseinandersetzung mit Mode. Er verarbeitete 20 Meter eines belgischen Baumwollstoffes auf eine Weise, die den Modellen allein mit der Schwere und dem Schnitt eine gewisse Körperhaltung aufzwingt.

„Es ist interessant, welche Gefühle und welche Körpersprache Kleidung beim Träger wecken kann – etwa Aggression, Wut und Scham“, erklärt der Student des experimentellen Bekleidungs- und Textildesigns. Vier Outfits mit glockenförmigen Röcken und hervorgestellten Uniform-Jacken sind schon fertig, jetzt arbeitet der 26-Jährige im Hutatelier der Designerin Fiona Bennett noch an ungewöhnlichen Maskenkreationen. Handtellergroße Ovale aus schwarzem Filz werden vor dem Gesicht schweben, nur von einem Knopf im Mund des Modells gehalten. Die Maske soll der Trägerin den Atem rauben.

Dinesen selbst ist weniger auffällig gekleidet als es seine Kollektion vermuten lässt, ins Auge springen allein die dottergelben Turnschuhe. Es ist seine erste Frauenkollektion, was Dinesen ein wenig nervös macht. Vor allem, weil die Modenschau der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin am 19. Juli, auf der er seine Kreationen präsentieren wird und für die der Masterstudiengang Sound Studies ein passendes Klang-Kostüm geschneidert hat, restlos ausverkauft ist. Aber Dinesen gefällt es, aus dem Rahmen zu fallen: „Ich mag Dramatik, es ist gerade im Studium wichtig, seine Fantasien überschwappen zu lassen.“ Wer sich beim Rundgang ins kreative Gehege der UdK Berlin begibt, kann so einiges entdecken – vor allem viel überschwappende Fantasie.